Daily Archives: October 29, 2014

Damen und Herren im Frack

Was für eine hübsche kleine Stadt: Punta Arenas, einer der südlichsten Städte des südamerikanischen Festlands. Sie liegt ziemlich weitläufig in einer großartigen Landschaft. Danach kommt nur mehr die Insel Feuerland. Sehr windig ist es hier und kalt!! Zum ersten Mal auf dieser Reise war ich für meine warme Haube wirklich dankbar.

Das Stadtzentrum hat uns mit imposanten, historischen Gebäuden beeindruckt. Aber auch die einfachen Wohnhäuser waren oft ein Blickfang: sehr viel Holz, sehr viele Farben, auch einige ultramoderne Gebäude. Punta Arenas ist ein bunter Mischmasch aus verschiedenen Stilen, kein Wunder bei der geografischen Vielfalt der ehemaligen Immigranten. Viele Einwohner haben übrigens kroatische Wurzeln; ein Taxifahrer mit dem wir ins Gespräch gekommen sind, hat uns von seinen russischen Eltern erzählt. Die Inschriften auf den Gräbern des wunderschönen städtischen Friedhofs erzählen ebenfalls von der vielfältigen Herkunft der ansässigen Familien.

Auch Deutsche bzw. Deutschsprachige hat es hierher verschlagen. Davon zeugt zum Beispiel die freiwillige deutsche Feuerwehr vor Ort und das Oktoberfest, für das wir aber leider zu früh dran waren…

An einem wunderschönen sonnigen – aber trotzdem windigen und kalten – Tag haben wir zwei Ausflugsziele in der Nähe von Punta Arenas besucht: das Freilichtmuseum “Fort Bulnes”, die erste chilenische Kolonie, die in diesem abgelegenen Teil Patagoniens errichtet wurde – wiederum um den Anspruch Chiles auf dieses Territorium zu festigen. Interessant seine Geschichte, die aufgrund der Lage alles andere als einfach war. Bei der Errichtung des Forts spielte einzig und allein die strategisch gute Lage des Ortes auf einer windumtosten Anhöhe an er Küste eine Rolle, die Bedürfnisse der Siedler wurden ignoriert. Im Eintrittspreis inbegriffen war eine englischsprachige Führung und diesmal war “englischsprachig” kein leeres Versprechen.

Besonders putzig: die Kolonie der kleinen Magellan-Pinguine nördlich von Punta Arenas. Ziemlich neugierige und hübsche Tiere. Einer davon hat aus nächster Nähe richtiggehend für unsere Kamera posiert. 😉 Von Punta Arenas aus werden auch Touren zu einer Königspinguin-Kolonie angeboten, angeblich der einzige Ort, an dem man sie außerhalb der Antarktis beobachten kann. Diese Art wird bis zu einem Meter groß. Die Tour dorthin dauert jedoch 12 Stunden und war uns einfach zu lang und zu teuer. Vielleicht beim nächsten Mal!

Seit langer Zeit haben wir es auch wieder einmal ins Kino geschafft: genau richtig für einen kalten, windigen, bewölkten Abend. Zum Glück werden die meisten US-Filme hier auf Englisch mit spanischem Untertitel gezeigt, das macht es für uns einfacher, speziell für Robert. Und im Gegensatz zum letzten Mal haben wir diesmal sogar ein digitales Kino erwischt!

 

Glaciar Perito Moreno

Die argentinische Kleinstadt El Calafate am südöstlichen Rand des Nationalparks Los Glaciares ist zu Recht für eines berühmt: den gewaltigen Perito Moreno Gletscher, der an seiner 60 m hohen Abbruchkante in den Lago Argentino kalbt. Auf Stegen kann man relativ nahe an den Gletscher heran, der im Gegensatz zur Pasterze nicht schrumpft, sondern immer weiter wächst. Wenn dann ein gewaltiger Brocken Eis unter lautem Donnern ins Wasser kracht oder man das Knacken und Knirschen des Gletschereises unter Druck hört, verursacht das Gänsehaut. Wir haben zwar schon in Kanada oder Norwegen riesige Gletscher gesehen, der Perito Moreno mit seiner Dynamik, die man aus nächster Nähe miterleben kann, übertrifft sie aber alle! Vergleichbar war dieses Erlebnis nur mit der eiskalten Nacht im Zelt unter dem Gletscher des Mount Cook in Neuseeland, in der uns die Geräusche von herabstürzenden Eisbrocken in den Schlaf begleitet haben.

Ganz billig war der Ausflug zum Perito Moreno – 80 km Busfahrt von El Calafate und Eintrittsgebühr in den Nationalpark – leider nicht, aber das sind wir von Patagonien mittlerweile schon gewöhnt. Hier ist nichts billig und trotz Nebensaison schon einiges los (ich möchte nicht wissen wie‘s hier in der Hochsaison rund geht). Vor ein paar Jahren habe ich einmal einen Artikel eines Travellers gelesen, der geschrieben hat: „Sollen sie sich doch in Kanada gegenseitig auf die Füße steigen, ich fahr nach Patagonien“. Dazu kann ich nur sagen: Hah!! Meiner Meinung nach ist hier mehr los als in den Gegenden von Kanada, die wir besucht haben, und es ist zum Teil sogar teurer als dort. Die Preise sind manchmal eine richtige Frechheit und einfach nicht gerechtfertigt, aber ich bin mir sicher, dass diese Entwicklung in den nächsten Jahren mit mehr und mehr Touristen noch weiter gehen wird. Und wem kann man es verübeln? Man kann hier richtig geile Sachen unternehmen, aber ohne das nötige Kleingeld geht’s halt nicht. Oft läuft das bei uns jetzt so ab: „Das könnt ma machen, klingt super laut Lonely Planet. Schau ma mal die Preise im Internet nach …. ok … ähm … dann wohl eher doch nicht!“ Überall ist vom „Ende der Welt – Fin del Mundo“ die Rede, ein Gefühl von Abenteuer und Pioniertum will sich aber wirklich nicht mehr einstellen. Dafür muss man schon noch weiter Richtung Süden vordringen: bis in die Antarktis. Und ab da wird’s dann komplett unleistbar! (Aber ein paar Reiseträume muss man sich ja noch für die Zukunft aufsparen…)